Das Haus der deutschen Sprache

Damit dies alles zur Verbesserung und vernünftigen Weiterentwicklung des von den Bürgern tatsächlich gehörten und gelesenen, gesprochenen und geschriebenen Deutsch dienen kann, bedarf es eines Forums, auf dem Forschung und Praxis zueinander finden, voneinander lernen, miteinander diskutieren, wo sie einander verstehen lernen und helfen können.

Zu diesem Zweck will die Stiftung in Berlin ein „Haus der deutschen Sprache“ errichten. Es soll, ­ bis das Stiftungsvermögen den Bezug eines eigenen Gebäudes mit Besucher-, Ausstellungs- und Bibliotheksräumen, mit multimedialer Technik und eigenem Personal erlaubt,­ seine Arbeit zunächst als „virtuelles” Haus der deutschen Sprache beginnen. Durch einen Telephon-, Telefax- und Internetdienst steht es der Öffentlichkeit als Beratungsstelle in sprachlichen Angelegenheiten des Alltags zur Verfügung und zwar vor allem bei der Frage nach plausiblen deutschen Äquivalenten für fremdsprachige Begriffe. Es kann Hinweisen aus der Bevölkerung auf besonders ärgerliche Fälle falschen, liederlichen, miß- oder unverständlichen Sprachgebrauchs im Verwaltungshandeln, in der Produktauszeichnung, im Verkehr, beim Verbraucherschutz, in den Medien und bei der Werbung, bei öffentlichen Informationen und dergleichen nachgehen und sich um Abhilfe bemühen.


Später sollen in den Räumen des Hauses der deutschen Sprache für die Einwohner und Besucher der Hauptstadt, für Schulklassen, Vereine und dergleichen Ausstellungen zur Geschichte, zur internationalen Verbreitung, zu den Dialekten der deutschen Sprache veranstaltet werden. Auch die Entwicklung und der jeweils neueste Stand sprachrelevanter Technik, etwa bei der automatischen Spracherkennung und Übersetzung, sind als Gegenstand von Sonder- oder Dauerausstellungen vorstellbar. Die deutsche Industrie könnte hier einem breiten und interessierten Publikum sprachbezogene Forschungsvorhaben und ihre Produkte vorstellen. Natürlich ist auch systematische, sprachplanerische Arbeit zu leisten.

Angestrebt werden ein Informationsdienst, der der Wirtschaft, der Wissenschaft und den Pädagogen, der Verwaltung, der Werbung, den Medien und der Politik brauchbare, exakte und unserem Sprachgefühl gerecht werdende deutsche Alternativen für zunächst nur fremdsprachlich vorhandene Fachbegriffe rasch anbieten kann. ­ Register sogenannter Neologismen (neuer Wörter) sollen unter sorgsamer, analytischer Beobachtung des tatsächlichen Sprach-gebrauchs angelegt werden. ­ Terminologien ganzer wissenschaftlicher Disziplinen und sozialer Handlungsfelder existieren nicht mehr auf Deutsch. Sie sollen zusammen mit Fachleuten aus diesen Disziplinen erarbeitet und der Öffentlichkeit vermittelt werden.

Das Haus der deutschen Sprache wird Vortrags- und Informationsveranstaltungen zu einschlägigen Themen durchführen und für nationale wie internationale Fachkonferenzen zur Verfügung stehen. So wird es sich zu einem lebendigen Zentrum der Beschäftigung mit unserer Sprache und der aktiven Freude an ihr entwickeln. Das Haus der deutschen Sprache ist kein Kristallisationspunkt für Deutschtümelei oder kulturelle Abschottung. Die Ablehnung des dümmlichen „Denglisch”, das nicht nur die Sprechfähigkeit und das Sprachbewußtsein eines großen Teils der Deutschen zersetzt, sondern uns auch zum Gespött anderer Völker macht, hat mit Nationalismus nichts zu tun.

Daß Deutsch eine international akzeptierte Wissenschaftssprache bleibt oder wieder wird, daß sich unsere Sprache in multi- oder supranationalen Einrichtungen, zum Beispiel der Europäischen Union, endlich die ihr die gebührende Geltung verschafft ­ dieser Wunsch ist nicht selten bei unseren Freunden in der Welt ausgeprägter als bei uns selbst.

Kaum ein anderes Land ist von seinen Außenbeziehungen so abhängig wie Deutschland, insbesondere wirtschaftlich. Nach Rußland und China hat Deutschland weltweit die meisten Landgrenzen. Sie sind heute ausnahmslos offen. Die Nachbarn besuchen, kennen und beobachten uns. Sie alle, aber auch unsere Partner anderswo in der Welt, schauen darauf, wieviel Achtung wir vor uns selbst haben, was wir zum Erhalt unserer respektierten Wissenschaften, was wir für die Bildung unserer Kinder und die Pflege unseres kulturellen Erbes tun. Dazu gehört immer auch unsere Sprache.

Deutsch ist für unsere ausländischen Partner die Sprache Luthers, Kants, Goethes und Hegels, aber auch die von Alexander von Humboldt, Gottlieb Daimler, Werner von Siemens, Ferdinand Porsche, Albert Einstein, Joseph Schumpeter, Ferdinand Sauerbruch, Max Planck, Lise Meitner, Otto Hahn und Konrad Zuse. Die derzeitige Gleichgültigkeit so vieler Deutscher ihrem sprachlichen Erbe gegenüber enttäuscht die, die sich im Ausland gerade deshalb um gute Kenntnisse des Deutschen bemühen, weil sie es für eine wichtige Kultur-, Wissenschafts- und Wirtschaftssprache halten. Müssen uns die internationalen Partner daran erinnern, daß, wer sein eigenes Instrument nicht pflegt und perfekt beherrscht, im globalen Orchester keinen geachteten Part spielen kann?

In nur wenigen Ländern der Welt lebt ein höherer Prozentsatz anderssprachiger Einwanderer als bei uns. Deutsch muß von etwa sieben Millionen Menschen als Sprache ihrer neuen Heimat akzeptiert und vor allem erlernt werden, im Interesse der alten und dieser neuen Bürger unseres Landes. Sprachliche Ghettos in unseren Städten fördern die verhängnisvolle Entstehung von Parallelgemeinschaften. Das Haus der deutschen Sprache wird zwar nicht die zur sprachlichen Integration der Einwanderer erforderlichen Maßnahmen ergreifen können, will aber der Diskussion darüber und der theoretischen und wissenschaftlichen Erörterung dieses Themas Raum und Ermutigung bieten.

Der vergleichsweise gute Stand der deutschen Sprache bei unseren östlichen EU- und anderen Nachbarn und jedes Interesse für das Deutsche irgendwo in der Welt müssen von uns honoriert und gefördert werden. Der Einsatz der Franzosen und Engländer für die globale Bedeutung ihrer Sprachen kann uns ein Beispiel sein. Dies ist eine kulturpolitische, eine außenpolitische Aufgabe, für die die Bundesregierung zuständig ist. Daß diese sie mit Nachdruck, Sachverstand und dem erforderlichen Mitteleinsatz erfüllt, das muß die Sprachgemeinschaft der Bürger einfordern. Die Stiftung Deutsche Sprache und ihr Haus der deutschen Sprache werden sie dabei mit Fachwissen und guten Argumenten unterstützen.

Ein solches Haus der deutschen Sprache wird also eine ganze Reihe von Aufgaben ­ allen voran die Sensibilisierung der Deutschsprachigen selbst ­ zu übernehmen versuchen, Aufgaben, für die derzeit niemand sonst ein in der Tradition, Praxis oder Verfassung Deutschlands verankertes Mandat hat, die aber erfüllt werden müssen.

Bitte helfen Sie der Stiftung Deutsche Sprache, dieses Haus zu bauen!














© STIFTUNG DEUTSCHE SPRACHE, 2005